Young Urban Anesthesiologists

Young Urban Anesthesiologists

Der Podcast der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen

Transkript

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Ingmar: Hallo und herzlich willkommen zur nächsten Podcast-Episode des Young Urban Anästhesiologist-Podcasts.

Ingmar: Aus der Universitätsmedizin in Göttingen, aus der Klinik für Anästhesiologie.

Ingmar: Ich bin Ingmar, so wie immer.

Ingmar: Und heute ist Sarah bei mir. Sarah hat vor kurzem bei uns angefangen zu arbeiten

Ingmar: und ist eine super coole Kollegin und hat festgestellt, in einem Fall, einem klinischen Fall,

Ingmar: da hatte sie einen Patienten, der geblutet hat und sie hat ein Rotem veranlasst

Ingmar: und hatte dann das Rotem. und dann stand sie da.

Sarah: Korrekt.

Ingmar: Und hat sich gefragt, gibt es eigentlich eine Podcast-Episode zum Thema Rotem?

Ingmar: Und hat festgestellt, dass es das nicht gibt und hat angefangen, das zu ändern.

Ingmar: Und so kommt Sarah hierher. Und jetzt klären wir das mit dem Rotem ein für alle

Ingmar: Mal und für die ganze Welt.

Sarah: Sehr gerne, ich freue mich drauf.

Ingmar: Das wird richtig gut. Sarah hat ganz viel Energie in die Vorbereitung gesteckt

Ingmar: und das ist ein richtig langer Skript geworden. Ich glaube, das lohnt sich.

Sarah: Ich war in meiner siebten Arbeitswoche in der klassischen Chirurgie eingeteilt,

Sarah: stand die dritte Woche alleine im Saal und habe einen Patienten betreut,

Sarah: der einen Wackwechsel bekommen hat.

Sarah: Er hatte einen großflächigen Wack an der Dorsalseite der unteren Extremität,

Sarah: da er einen Liegetrauma hatte und eine nekrotisierende Fasziitis.

Sarah: Insgesamt war er sehr vorerkrankt und ich möchte jetzt gar nicht so im Detail

Sarah: auf die Vorerkrankung eingehen, aber er hatte eine schlechte Gerinnungssituation.

Sarah: Und das wurde dann klinisch ziemlich deutlich und die Chirurgen haben mich darauf

Sarah: hingewiesen, dass sie Probleme bei der Blutstillung haben und mich gebeten,

Sarah: jetzt mal was zu unternehmen.

Sarah: Und dann musste ich was unternehmen und dann habe ich Rücksprache gehalten mit

Sarah: meiner oberärztlichen Aufsicht und eben das Rotem veranlasst.

Sarah: Ja, und dann stand ich vor dem Rotem.

Ingmar: Ja, und,

Ingmar: Das ist ja so eine ganz typische Situation. Ich glaube, das kennen ganz viele

Ingmar: Leute, dass man eben eine unklare Blutungssituation hat, das Gefühl,

Ingmar: dass man was machen muss.

Ingmar: Häufig getriggert durch den Chirurgen oder durch unsere chirurgischen PartnerInnen,

Ingmar: die dann sagen, mach doch mal was und wir überlegen, was können wir denn eigentlich

Ingmar: machen oder was wäre jetzt der nächste kluge Schachzug.

Ingmar: Und da ist Rotem möglicherweise eine dieser Varianten, die wir machen können.

Ingmar: Aber am Ende geht es ja um Blutgerinnung.

Ingmar: Und du hattest doch rausgesucht, dass Blutung eigentlich was richtig Gefährliches ist.

Ingmar: Offensichtlich, aber dass das eben auch einen ganz relevanten Anteil auf die

Ingmar: Mortalitätsstatistiken hat.

Ingmar: Du hast herausgesucht, dass es 350.000 von 2,3 Millionen Patienten mit kritischen

Ingmar: Blutungen, dass es die eben erwischt.

Sarah: Genau und das hat natürlich auch einen großen Einfluss auf die Mortalität,

Sarah: die bei Patienten mit perioperativen Blutungsereignissen um 6%,

Sarah: also mehr als dreimal so hoch ist, wie bei Patienten ohne.

Ingmar: Und Mortalität mögen wir gar nicht. Also was wir alle regelmäßig machen oder

Ingmar: womit wir auch mehr Erfahrung haben, ist, dass wir einfach, wenn wir Gerinnungsfragen haben,

Ingmar: die dem Labor weiterleiten, dass wir Blut abnehmen und sagen,

Ingmar: was sind eigentlich so Gerinnungsparameter.

Ingmar: Aber bevor wir darüber sprechen, ist es vielleicht gut, dass wir die Homöostase

Ingmar: uns insgesamt nochmal angucken, nochmal so einen kleinen Refresher machen zum Thema Blutgerinnung.

Ingmar: Fangen wir an mit der primären Hemostase, also die erste Phase der Blutstillung.

Ingmar: Wenn ein Gefäß verletzt wird, dann passiert innerhalb von ein paar Sekunden Folgendes.

Ingmar: Es gibt die Thrombozyten, Blutplättchen, die heften sich an die verletzte Gefäßwand.

Ingmar: Und dabei gibt es den von Willebrand-Faktor, das ist so eine Art Klebstoff zwischen

Ingmar: freiliegenden Kollagenfasern an der Gefäßwand von den Thrombozyten.

Ingmar: Und dann verändern die Blutplättchen die Thrombozyten ihre Form und werden stachelig

Ingmar: und klebrig und werden so zu Klumpen, ballen sich zusammen und setzen weitere Botenstoffe frei.

Ingmar: Typischerweise ADP und Thromboxan A2-Faktor.

Ingmar: Und das lockt weitere Thrombozyten an und die Gefäße verengen sich,

Ingmar: gibt es eine Vasokonstriktion und

Ingmar: dann entsteht innerhalb von wenigen Augenblicken, Sekunden bis Minuten,

Ingmar: ein Thrombozytenpropf, den man auch als weißen Thrombus manchmal bezeichnet,

Ingmar: der eine Blutung erstmal provisorisch stoppen kann.

Sarah: Genau, der weiße Thrombus ist aber noch nicht richtig stabil.

Sarah: Dafür brauchen wir die sekundäre Hämostase, also die plasmatische Gerinnung.

Sarah: Und da kommen jetzt die Gerinnungsfaktoren ins Spiel.

Sarah: Wir kennen da zwei Wege, den extrinsischen und den intrinsischen Weg,

Sarah: über den die Gerinnung aktiviert wird.

Sarah: Physiologisch spielt vor allem der extrinsische Weg eine Rolle.

Sarah: Und durch die Kaskaden, die da in Gang gesetzt werden aus enzymatischen Reaktionen,

Sarah: wird letztendlich das Fibrinogen, unser Faktor 1, aktiviert.

Sarah: Fibrinogen wird gespalten in Fibrin und die einzelnen Fibrinfasern polymerisieren

Sarah: und vernetzen sich dann miteinander.

Sarah: Die Quervernetzung wird von Faktor 13 dann unterstützt und das bildet am Ende

Sarah: ein stabiles Netz und das nennen wir dann den roten Thrombus.

Ingmar: Es gibt so eine bildliche Allegorie. Man kann sich bei der Blutgerinnung vorstellen,

Ingmar: dass die Thrombozyten so ein bisschen sind wie Ziegelsteine.

Ingmar: Und das Fibrin wie der Mörtel, der die Ziegelsteine zusammenbaut.

Ingmar: Und daraus dann die feste Mauer macht, die die Blutung dann am Ende stillt.

Ingmar: Man kann die plasmatische Gerinnung auf zwei Wege aktivieren.

Ingmar: Nämlich über einen intrinsischen Weg und über einen extrinsischen Weg.

Ingmar: Man hat das früher so ganz krass getrennt.

Ingmar: Aber möglicherweise kann man das gar nicht so genau trennen,

Ingmar: in intrinsisch und extrinsisch.

Ingmar: Aber das ist so die traditionelle Art und Weise, wie man darüber spricht.

Ingmar: Der extrinsische Weg hat einen Auslöser. Und das ist in der Regel der Gewebefaktor,

Ingmar: Tissue Faktor, der bei Verletzungen aus dem beschädigten Gewebe einfach freigesetzt wird.

Ingmar: Und der Bild bildet dann mit Faktor 7 ein Komplex und startet dann diese Gerinnungskaskade.

Ingmar: Das ist dieser exogene oder eben Tissue-Faktor-Weg.

Ingmar: Der intrinsische Weg, das ist der mit den Faktoren 8, 9, 11 und 12.

Ingmar: Der kann auch eine Blutgerinnung aktivieren oder auslösen.

Ingmar: Klar, sonst wäre er ja nicht involviert darin.

Ingmar: Und vor allem auf Fremdoberflächen, also nicht welche, die Gewebefaktor ausschütten,

Ingmar: Aber zum Beispiel Laborröhrchen oder Katheter oder Schlauchsysteme von ECMOs,

Ingmar: das ist der intrinsische Weg.

Ingmar: Das heißt, für den Körper ist beides wichtig, aber wenn wir uns auf der einsamen

Ingmar: Insel für nur einen Weg entscheiden müssten, dann würden wir uns wahrscheinlich

Ingmar: für den mit den Gewebeverletzungen entscheiden, weil wir eigentlich nicht so

Ingmar: viel mit Fremdoberflächen rechnen.

Ingmar: Trotzdem brauchen wir natürlich beides. Es ist vielleicht so zu verstehen wie

Ingmar: der Verstärker des extrinsischen Wegs.

Ingmar: Das heißt, wir haben da so eine positive Rückkopplung, so eine positive Feedback-Schleife,

Ingmar: die eben die Thrombin-Bildung über diesen Faktor 8 und 9 Thrombin-Burst dann verstärkt.

Sarah: Also nochmal zusammengefasst, beide Wege führen zur gemeinsamen Endstrecke und die ist immer gleich.

Sarah: Wir haben Faktor 10, der aktiviert wird und zusammen mit Faktor 8 dann die Prothrombinase

Sarah: bildet, die das Prothrombin zu Thrombin spaltet.

Sarah: Und Thrombin als aktiviertes Enzym spaltet Fibrinogen zu Fibrin,

Sarah: das dann polymerisiert und vernetzt wird.

Sarah: So entsteht das feste Fibrinnetz, in dem die Thrombozyten eingebettet sind.

Sarah: Das stabilisiert dann den Thrombus endgültig, so wie der Mörtel die Ziegelsteine.

Ingmar: Und wenn in dieser Verstärkungskaskade, wenn man zum Beispiel einen Faktor 8

Ingmar: oder einen Faktor 9 Mangel hat, so wie bei Hämophilie,

Ingmar: dann hat man ja nicht gar keine Blutgerinnung, sondern nur eine schlechtere

Ingmar: Blutgerinnung, weil eben dieser Verstärkungseffekt, dieser Feedbackschleife

Ingmar: des intrinsischen Wegs fehlt. Genau.

Sarah: Der Faktor 8 stabilisiert ja zudem auch noch zusammen mit von Willebrand Faktor die Thrombozyten.

Sarah: Bei Faktor 8 ist das dann ausgeprägter als beim Faktor 9 Mangel.

Ingmar: Ist für dich die Gerinnungskaskade auch sowas, was man sich ganz oft anschaut,

Ingmar: aber sich eigentlich nicht merken kann?

Sarah: Ja. Ich habe das schon so oft aufgemalt.

Sarah: Und in Physiologie im zweiten Semester haben wir das das erste Mal kennengelernt.

Sarah: Oder im dritten Semester war das.

Sarah: Und ich habe das seitdem echt häufig mir nochmal aufgemalt und ins Gedächtnis

Sarah: gerufen. Das bleibt aber nicht ewig.

Ingmar: Das bleibt nicht haften, oder?

Sarah: Nee. Vielleicht jetzt.

Ingmar: Vielleicht jetzt? Möglicherweise. Jetzt haben wir über die intrinsischen und

Ingmar: extrinsischen Wege einen Klott gebaut.

Ingmar: Es geht aber noch weiter, weil wenn wir Gerinnsel bilden, müssen wir uns auch

Ingmar: darüber Gedanken machen, wie werden wir Gerinnsel wieder los.

Ingmar: Sonst haben wir einfach überall Gerinnsel, sonst hört das Ganze einfach nie wieder auf.

Ingmar: Das heißt, es gibt so eine Antagonistenseite, eine Gegenspielerseite,

Ingmar: die wir brauchen, um Überreaktionen zu vermeiden.

Ingmar: Also physiologische Anticoagulantien. Und auch darüber können wir jetzt gleich nochmal sprechen.

Sarah: Genau, wir haben auch physiologische Gegenspieler, zum Beispiel das Antithrombin

Sarah: oder das Protein-C- und Protein-S-System, die die Gerinnung hemmen und dadurch

Sarah: zu einem Gleichgewicht führen.

Sarah: Wir wollen ja auch keine Gerinnung, wenn wir sie gar nicht brauchen.

Sarah: Haben wir unseren Thrombus einmal gebaut, wollen wir ihn später auch wieder abbauen.

Sarah: Dafür gibt es im Körper zwei Stoffe.

Sarah: Das sind die Urokinase oder ein Enzym, die Urokinase und den Plasminogenaktivator

Sarah: oder auch Alteplase genannt, die das Plasminogen zu Plasmin spalten.

Sarah: Plasmin ist wiederum ein Enzym, das von dem Fibrin-Thrombus die Dedimere abspaltet

Sarah: und damit zur Auflösung des Thrombus führt.

Ingmar: Das sind alles so Stichworte, die wir aus der klinischen Versorgung am Ende doch kennen.

Ingmar: Wenn wir eine Lysetherapie machen, dann sind das genau diese Substanzen, die wir verwenden.

Ingmar: Und wenn wir uns über das Auftreten von Blutgerinnseln, wie bei Lungenembolien

Ingmar: oder so Gedanken machen, dann sind es genau diese Dedimere, die wir nachweisen

Ingmar: können als Spaltprodukte der Fibrinolyse.

Ingmar: Da ist der klinische Kontext.

Ingmar: Wir brauchen halt diese Fibrinolyse, um überschüssige Trompen abzubauen.

Ingmar: Oder wenn die Wunde eben am Ende verheilt ist, dann muss der Thrombus natürlich auch weg.

Ingmar: Oder der Thrombus muss auch schon weg, um der Wunde überhaupt Raum zum Heilen zu geben.

Ingmar: Und deswegen ist es wichtig, sie darf halt nicht zu früh einsetzen.

Ingmar: Dann haben wir wieder die Blutung, dann ist das Loch wieder da und sie darf

Ingmar: nicht zu stark einsetzen.

Ingmar: Dann verschwindet der Klott eben auch zu schnell oder zu akut.

Ingmar: Das nennt man dann Hyperfibrinolyse und kann wieder zu Blutungskomplikationen führen.

Ingmar: Und auch da gibt es Strategien, wie man damit umgehen kann.

Ingmar: Und Rotem oder die viskoelastischen Verfahren sind da vielleicht ein Baustein,

Ingmar: wie man sich der Diagnose da nähern kann.

Sarah: Neben dem Rotem gibt es ja auch die klassischen Gerinnungstests im Labor.

Sarah: Zum Beispiel die Prothrombinzeit, die wir als Quick- oder INR-Wert angeben.

Sarah: Heutzutage nutzen wir hauptsächlich den INR. Die bilden den extrinsischen Weg

Sarah: ab und die APTT, die aktivierte partielle Thromboplastinzeit,

Sarah: die den intrinsischen Weg abbildet.

Sarah: Dann können wir im Labor noch die Thrombozytenzahl und auch den Fibrinogen-Spiegel

Sarah: messen und eben die Dedimere, wie wir gerade schon gesagt haben.

Sarah: Diese Standardtests brauchen recht lange im Labor, bis wir die Werte vorliegen

Sarah: haben und sind recht starre Parameter, die nur einzelne Teile der Gerinnung abbilden.

Sarah: Anders als das Rotem, das uns einen Überblick über den gesamten Gerinnungsprozess gibt.

Ingmar: Das ist sowohl Stärke als auch Schwäche von diesen Systemen,

Ingmar: aber sie sind eben, genau wie du es gesagt hast, isoliert, mit bestimmten Zusatzstoffen

Ingmar: versehen, dass man es messen muss und man muss sie eben in ein Labor schicken.

Ingmar: Da gibt es nicht nur den rein analytischen Zeitfaktor, sondern auch den Weg

Ingmar: dorthin oder auch logistische Herausforderungen, dass man bestimmte komplexere

Ingmar: Gründungsanalysen eben auch erst vielleicht verzögert machen kann,

Ingmar: wenn man das Labor gar nicht vor Ort hat, was das bestimmen kann.

Ingmar: Das gilt vor allem für noch komplexere Gründungsanalysen, Einzelfaktoren,

Ingmar: Spiegelbestimmungen oder Faktor 10 Aktivitäten, die wir natürlich auch alles

Ingmar: messen können, aber das braucht immer größere Labore. Genau.

Sarah: Und Zeit.

Ingmar: Und Zeit. Und Geld.

Sarah: Das braucht Rotem auch.

Ingmar: Das braucht Rotem auch. Das heißt, bei einem akut blutenden Patienten die Probe

Ingmar: ins Labor zu schicken hat Grenzen, logistische Grenzen, aber auch handwerkliche Grenzen.

Ingmar: Weil INR und PTT nur die plasmatische Gerinnung im Plasma messen und eben nicht

Ingmar: im Vollblut inklusive Thrombozyten.

Ingmar: Und das auch bei standardisierten Temperaturen und gar nicht der wahren Patiententemperatur.

Ingmar: Sodass wir über die globale Gerinnungssituation eigentlich gar nicht so richtig

Ingmar: Rückschlüsse ziehen können, sondern diese ganzen Werte sind nur Surrogatparameter

Ingmar: für das, was mit der Blutgerinnung möglicherweise passiert.

Sarah: Wir können uns ja mal ein kleines Beispiel vorstellen. Wir haben einen Patienten,

Sarah: der eine schwere Thrombozytenfunktionsstörung hat, zum Beispiel Iatrogen,

Sarah: weil er ASS und Clopidogrel einnimmt.

Sarah: Hier können INR und APTT völlig normal sein, denn die plasmatische Gerinnung

Sarah: läuft ja prima und trotzdem blutet aber der Patient, weil die Plättchen nicht aggregieren.

Sarah: Auch umgekehrt gibt es Situationen, da sind zum Beispiel INR und APTT verlängert,

Sarah: aber die klinische Blutungsneigung ist gering.

Sarah: Ein Beispiel wäre der Faktor-13-Mangel, der verlängert die APTT im Labor deutlich,

Sarah: aber die Patienten bluten praktisch nicht.

Ingmar: Über die Zeit haben wir schon gesprochen und Zeit ist gerade bei Massivblutungen

Ingmar: möglicherweise ein Faktor und da sind die viskoelastischen Verfahren eine Möglichkeit,

Ingmar: die uns auch schon vor dem Vorliegen eines offiziellen validierten Endergebnisses

Ingmar: schon Hinweise geben können, woran unsere Blutgerinnung so hapert, woran es da krankt.

Sarah: Das ist der springende Punkt. Also in klinischen Situationen brauchen wir ganzheitliche

Sarah: Informationen über die Gerinnung und zwar schnell und am Patienten.

Sarah: Jetzt haben wir schon ein paar Mal gesagt, jetzt müssen wir endlich über die

Sarah: viskoelastischen Tests bzw.

Sarah: Die Rotationstrompe-Elastometrie und Rotationstrompe-Elastographie sprechen.

Ingmar: Das war jetzt ja ein ganz kurzer, schneller Ritt durch die Blutgerinnung.

Ingmar: Und wie gesagt, für mich und auch für Sarah hat sie zugegeben,

Ingmar: ist das ein Thema, was wir uns zwar häufig angucken, aber wo wir Schwierigkeiten

Ingmar: haben, das nachhaltig uns zu merken.

Ingmar: Wir haben euch diese Gerinnungskaskade hier in den Shownotes oder in den Kapitelmarken eingeblendet.

Ingmar: Ich glaube, die Shownotes zu dieser Episode lohnen sich, da mitzulesen.

Ingmar: Was wir auch gemacht haben, da gab es wunderbares Feedback, ist,

Ingmar: dass wir versucht haben, die

Ingmar: besonders komplizierten Sachen auch noch akustisch euch zu präsentieren.

Ingmar: Und wir haben die Gerinnungskaskade auch als Lied, als Piratensong vertont.

Ingmar: Den kann man auf Spotify oder auf iTunes, kann man den Apple Music heißen,

Ingmar: könnte man das hören, wenn man möchte. oder wir schneiden das hier noch hinten dran.

Ingmar: Das hat so ein bisschen Ohrwurmcharakter und soll einfach noch das Ganze unterstützen.

Ingmar: Ist natürlich mit dem Augenzwinkern zu verstehen.

Sarah: Exim for the outside, intim for the inside.

Ingmar: Das geht wirklich ziemlich in den Kopf rein.

Sarah: Ja, total.

Ingmar: Ja, ich finde auch das Schnitt-Stopp-Faktor C hilft mir auch.

Ingmar: Genau, eigentlich wollten wir ja über viscoelastische Tests reden.

Ingmar: Und wir sagen die ganze Zeit Rotem.

Ingmar: Und ich sage die ganze Zeit aber trotzdem viscoelastische Tests,

Ingmar: weil Rotem nicht der einzige ist, sondern es gibt neben Rotem auch Tech.

Ingmar: Beides sind eingetragene Warenzeichen von Firmen, Handelsnamen, wie Tempo oder Ambu.

Ingmar: In Europa ist Rotem wesentlich weiter verbreitet und TEC ist das,

Ingmar: ich sag mal, das amerikanische Pendant oder das, was in Amerika ein bisschen besser verbreitet ist.

Ingmar: Am Ende sind es beides viskoelastische Tests, um Blutgerinnung oder um Gerinnungsstörungen zu diagnostizieren.

Ingmar: Und so richtig neu ist das auch nicht.

Ingmar: 1948 durch Helmut Hartert erfunden und beschrieben.

Ingmar: Da kommt es her. Der hat das Prinzip etabliert.

Ingmar: Teg steht für Trompe Elastographie und Rotem steht für Rotationstrompe Elastrometrie.

Ingmar: Also beides hat was mit Trompen und Elastrometrie zu tun und die Verfahren funktionieren fast gleich.

Ingmar: Nämlich, dass man eine Vollblutprobe nimmt und diese Probe, die kommt in ein

Ingmar: kleines Probengefäß und in dieses Probengefäß wird ein Stäbchen,

Ingmar: Oder ein Draht eingeführt. Und dann wartet man.

Ingmar: Und da unterscheiden Sie jetzt die beiden Verfahren. Das eine Verfahren dreht

Ingmar: das Probengefäß ein kleines bisschen.

Ingmar: Und das andere Verfahren dreht das Stäbchen ein bisschen.

Ingmar: Was Sie gemeinsam haben, ist, dass Sie sich anschauen, wie sich die Viskosität

Ingmar: von dem Blut, beziehungsweise das sich bildende Thrombus, über die Zeit verändert.

Ingmar: Sie schauen eben, wie viel Kraft braucht man, um das Probengefäß zu drehen oder

Ingmar: wie viel Widerstand leistet der Thrombus im Probengefäß oder wie viel Widerstand

Ingmar: leistet der Thrombus beim Drehen des Rührstäbchens.

Ingmar: Und diesen Widerstand oder diese Änderung des Widerstands kann man messen und

Ingmar: über die Zeit auftragen.

Ingmar: Und daraus ergibt sich für beide eine Kurve mit einer ähnlichen Charakteristik,

Ingmar: die sich in kleinen Details dann unterscheidet, aber das Messverfahren ist immer das gleiche.

Ingmar: Vollblut gerinnt mit der Zeit und wir schauen uns an, wie das die Viskosität

Ingmar: verändert und wir testen das über die mechanischen Fertigkeiten oder die mechanischen

Ingmar: Eigenschaften des Thrombos,

Ingmar: die wir in einen Widerstand umrechnen.

Sarah: Der wird in Millimetern angegeben, weil das Ausmaß der Bewegung,

Sarah: sei es von der Gewette oder dem Stäbchen, in Millimetern gemessen wird.

Sarah: Und die Stabilität des Blutprops, der dann diese Drehbewegung hemmt,

Sarah: wird dann auch in Millimetern angegeben.

Ingmar: Das ist die Geschichte. Die ganz neuen Geräte, die rotieren aber eigentlich

Ingmar: nicht mehr, sondern die vibrieren.

Ingmar: Und dann schaut man sich nicht an, wie der Widerstand sich ändert,

Ingmar: sondern die schauen sich an, wie der Meniskus, also wie der Blutspiegel im Probengefäß

Ingmar: sich verändert und errechnen damit dann Viskositätsveränderungen.

Ingmar: Das ist ein tief proprietäres Wissen der Firma Tech, nur dass man diese Millimeteranzahl immer noch hat,

Ingmar: obwohl das eigentlich aus einem anderen oder einem älteren Testmodus noch übertragen ist.

Sarah: Für die Vorstellung finde ich es aber ganz schön.

Ingmar: Ja, voll.

Sarah: Wie man von der Vibration zu den Millimetern kommt, das ist doch ein bisschen

Sarah: schwer nachzuvollziehen. Wir bekommen dann das Trompelastogramm,

Sarah: also die Kurve, die du schon angesprochen hast und die versuchen wir jetzt einmal zu erklären.

Sarah: Auch hier möchten wir nochmal auf die Shownotes hinweisen, dass man sich vielleicht

Sarah: das parallel noch einmal mit anguckt, wie das Trompelastogramm aussieht und

Sarah: ich gebe mein Bestes, das einmal so zu formulieren, dass man es sich gut vorstellen kann.

Ingmar: Genau, wie Sie jetzt sehen, Sie eine Kurve.

Sarah: Genau. Wir haben ein Diagramm, wir haben eine x- und eine y-Achse und wir stellen

Sarah: uns die Kurve vor, die beginnt auf der x-Achse,

Sarah: da bleiben wir auch erstmal und dann steigt die Kurve an und erreicht irgendwann ein Maximum,

Sarah: auf dem sie verharrt und sich dann wieder der x-Achse nähert.

Sarah: Das Besondere an dem Tromp-Elastogramm ist, dass diese Kurve,

Sarah: die wir auf der positiven Seite der Y-Achse sehen, nochmal gespiegelt wird,

Sarah: genauso wie sie ist in den negativen Bereich,

Sarah: und sich dann eine Art Spindelform sozusagen ergibt.

Sarah: Und die Fläche unter den beiden Kurven ist ausgemalt farblich,

Sarah: sodass wir dann direkt ein Bild haben, das wir auch visuell schon beurteilen können.

Ingmar: Weißt du, warum das gespiegelt wird?

Sarah: Ich dachte, damit man eben das gut betrachten kann, wie stabil der Klott ist

Sarah: und es einfach die Darstellung vereinfacht, aber wahrscheinlich,

Sarah: weil sich der Stempel in beide Richtungen dreht.

Ingmar: Aber es hat ja null diagnostischen Mehrwert, wenn du die zweite Hälfte siehst, oder?

Sarah: Ja, achso, weil sich das Stäbchen in beide Richtungen dreht.

Ingmar: Ja, genau.

Sarah: Wahrscheinlich, ah, okay.

Ingmar: Genau. Also die Idee dahinter ist ja, also du könntest dir ja erstens angucken,

Ingmar: wie der Widerstand sich von dem Stäbchen verändert, also der mechanische Widerstand,

Ingmar: wie die Visco-Elastizität sich ändert.

Ingmar: Aber wenn du dir vorstellst, wie ein Thrombus wächst…,

Ingmar: Und wenn wir das um 90 Grad drehen und das Rührstäbchen eben von der Decke baumeln

Ingmar: lassen und das hängt in dem Topf und dann überlegen wir uns,

Ingmar: wie der Thrombus bei Rotation wie so ein,

Ingmar: weiß ich nicht, wie Zuckerwatte entsteht, dann ist es halt ein runder Thrombus. Ja.

Ingmar: Aber ich glaube, es gibt eigentlich keinen Mehrwert, das als Spindel darzustellen,

Ingmar: weil die ganzen Punkte und Flächen und Winkel sehen wir eigentlich auch auf dem halben Diagramm.

Sarah: Das stimmt.

Ingmar: Ich habe gerade beschlossen, wenn wir über viscoelastische Tests sprechen und

Ingmar: weil wir in Europa sind, reden wir einfach nur über die Rotem-Sachen.

Ingmar: Wir sagen, es gibt auch Tech, das ist viel amerikanisch, das Testverfahren ist

Ingmar: das gleiche, sinngemäß,

Ingmar: aber die Bezeichnungen der einzelnen Werte oder Punkte, die unterscheiden sich

Ingmar: halt minimal oder nicht minimal, die unterscheiden sich in der Nomenklatur,

Ingmar: bezeichnen aber am Ende die gleichen Sachen.

Ingmar: Um das machen zu können, muss ich aber auch noch dazu sagen,

Ingmar: dass TEC und Rotem, wenn man da die gleiche Blutprobe reinbringt,

Ingmar: die nicht die exakt identischen Ergebnisse häufig liefern, sondern dass sie

Ingmar: sich ein bisschen unterscheiden. Warum, weiß man nicht so genau.

Ingmar: Aber das ist nicht eins zu eins vollständig übertragbar. Das ist ein Kritikpunkt

Ingmar: an den viskoelastischen Verfahren.

Ingmar: Aber wir werden jetzt in der Zukunft uns auf die Rotems fokussieren und anerkennen,

Ingmar: dass es auch andere Sachen gibt.

Ingmar: Aber wenn wir über Rotem reden, dann meinen wir beides.

Ingmar: Und wir werden einfach nur die Nomenklatur von Rotem verwenden.

Sarah: Einverstanden.

Ingmar: Gut, dann ist der nächste Schritt die Parameter der Kurve.

Sarah: Genau, vielleicht vorher noch, wie machen wir das überhaupt?

Sarah: Also die Rotem-Analyse einmal so, dass wir die Hörer mitnehmen in den Alltag, wie das funktioniert.

Sarah: Man kann sich das Rotem-Gerät so ein bisschen vorstellen wie ein BGA-Gerät.

Sarah: Das steht bei uns in der Nähe der OP-Säle in einem separaten Raum.

Sarah: Also nicht jeder OP-Saal hat ein eigenes Rotem-Gerät oder BGA-Gerät,

Sarah: aber es gibt sozusagen zentral welche, wo man hingehen kann.

Sarah: Und wenn wir so ein Rotem machen möchten, dann müssen wir dem Patienten Blut entnehmen.

Sarah: Für die Probe wird Vollblut verwendet und freundlicherweise gehen dann unsere

Sarah: Kolleginnen oder Kollegen von der Anästhesiepflege für uns zu dem Rotem-Gerät

Sarah: und geben dort die Probe in das Gerät, so wie beim BGA-Gerät.

Sarah: Und die Ergebnisse von der Rotem-Analyse schauen wir uns dann im OP-Saal auf

Sarah: dem Bildschirm an. Die können wir live mit angucken, denn so eine Rotem-Analyse

Sarah: dauert zwischen 30 und 60 Minuten ungefähr.

Ingmar: Aber man kann sich eben, also auch das ist das Coole an den viskoelastischen

Ingmar: Verfahren, dass man sich innerhalb dieser 30 bis 60 Minuten schon bestimmte

Ingmar: Anteile der Parameter anschauen kann, wie die sich entwickeln und auch schon

Ingmar: wertvolle Informationen erhält.

Ingmar: Ich bin ja schon richtig alt und ich habe noch Rothems machen dürfen,

Ingmar: nicht einfach eine Spritze mit Vollblut abnehmen oder eine Monovette mit Vollblut

Ingmar: und dann ins Gerät packen und dann macht das Gerät alles, sondern ich erinnere mich noch,

Ingmar: dass ich die einzelnen Kanäle vom Rothem pipettieren musste.

Sarah: Ah, spannend.

Ingmar: Und das war, sagen wir mal so, heute das moderne sanfte Wort ist anwenderabhängig.

Ingmar: Das ist öfter mal nicht so gut gelaufen. Und dann wusste man nicht,

Ingmar: hat man jetzt einfach dumm pipettiert oder ist der Patient, hat der wirklich ein schlimmes Problem.

Ingmar: Also das war fehleranfälliger und auch die Hemmschwelle, ein Rothemd zu machen,

Ingmar: war viel höher, weil man hatte richtige Arbeit.

Sarah: Ja, verstehe ich.

Ingmar: Das ist besser geworden, jetzt wo wir einfach da eine Monovette reinpacken und

Ingmar: das Gerät oder unser Gerät macht das halt super automatisiert.

Ingmar: Wirklich wie eine BGA, eine langsame BGA, aber man muss nicht viel drüber nachdenken

Ingmar: und wir kriegen auch noch das Ergebnis gespiegelt in die OPs.

Sarah: Jetzt wollen wir aber über die Parameter sprechen, die uns das Rotem liefert.

Sarah: Wichtig sind für uns die CT, die Clotting Time, die CFT, die ClotFormation Time,

Sarah: der Alpha-Winkel, die MCF, das ist die maximale ClotFirmes und verschiedene Lyseindizes.

Sarah: Tech benutzt ähnliche Parameter, aber mit anderen Abkürzungen.

Sarah: Wir sprechen jetzt erstmal über die roten Parameter.

Sarah: Die CT, die Clotting Time, ist die Zeit von Beginn des Tests,

Sarah: bis das Gerinnsel anfängt sich auszubilden.

Sarah: Sie ist definiert als die Zeit bis zu einer Gerinnselstärke oder einer Amplitude

Sarah: von 2 mm und entspricht im Prinzip der Reaktionszeit.

Sarah: Das heißt, hier wird die Initiation der Gerinnung abgebildet.

Sarah: Diese hängt vor allem von der Aktivität der Gerinnungsfaktoren ab und eine verlängerte

Sarah: CT bedeutet dementsprechend einen Faktorenmangel oder eine reduzierte Aktivität der Faktoren.

Sarah: Ursächlich könnten zum Beispiel Makomatherapie sein oder Heparin und Doax oder

Sarah: auch globale Störungen wie eine Lebersynthesestörung.

Ingmar: Ist so ein bisschen wie die PTT, ne?

Sarah: Kommt drauf an, welchen Testansatz wir uns anschauen.

Ingmar: Die Clot Formation Time, CFT,

Ingmar: ist die Zeit, die der Thrombus braucht, um von 2 mm auf 20 mm Amplitude zu wachsen

Ingmar: oder wie die Viscoelastizität zunehmen muss,

Ingmar: um 20 mm Signal zu liefern.

Ingmar: Das heißt, so lange dauert es, bis das Gerinnsel eine gewisse Festigkeit erreicht hat.

Ingmar: Und der Alpha-Winkel, der gehört zur Cloud-Formation-Time irgendwie mit dazu.

Ingmar: Das ist die Steilheit der Kurve, mit der es eben von diesen 2 mm auf die 20

Ingmar: mm Amplitude aufgeht. Bitte guckt euch die Bilder in den Shownotes dazu an.

Ingmar: Also es ist die Steilheit der Kurve. Und damit beschreibt eben die CloudFormation

Ingmar: Time die Geschwindigkeit des Gerinnselaufbaus.

Ingmar: Und damit gibt es Hinweise über die positiven Feedbackschleifen,

Ingmar: über die Verstärkungskaskade in der Koagulation.

Ingmar: Die CloudFormation Time hängt von der Fibrinbildung und von der Polymerisation

Ingmar: ab, aber auch von der Thrompozytenfunktion und von Faktor 13,

Ingmar: also viele Faktoren, die da reinfließen.

Ingmar: Und wenn die CloudFormation Time, die CFT verlängert ist und der Alpha-Winkel

Ingmar: flach ist, also das Gerinnsel sich nur langsam aufbaut,

Ingmar: dann fehlt einem vielleicht Fibrin, dann fehlt einem der Mörtel zwischen den

Ingmar: Pflastersteinen oder der Klebstoff.

Sarah: Oder eben die Thrombozyten.

Ingmar: Oder die Thrombozyten. Oder der Faktor 13.

Sarah: Das nächste, was wir uns anschauen können, ist die MCF, die maximale Clot-Firmness.

Sarah: Das ist die maximale Amplitude der Kurve, also die Endfestigkeit des Gerinnsels, wenn man so möchte.

Sarah: Die MCF ist dann erreicht, wenn die Gerinnselbildung abgeschlossen ist.

Sarah: Sie zeigt uns die Stabilität des Thrombos und die ist auch vor allem von der

Sarah: Menge und der Funktion des Fibrinogens, der Thrombozyten und auch vom Faktor 13 abhängig.

Sarah: Man kann sagen, dass so 80% der MCF von den Plättchen kommen und ungefähr 20%

Sarah: vom Fibrinogen, wobei das aber auch variiert.

Sarah: Eine zu niedrige MCF bedeutet, dass das Gerinnseln nicht fest genug ist,

Sarah: der Patient dann zu Blutung und Nachblutung neigt, weil der Clot eben nicht richtig stabil hält.

Ingmar: Ich habe noch was vergessen. Die Kurven sind ja üblicherweise blau.

Ingmar: Und, ich bin schlecht mit Farben, Pink, Lila, Magenta. Okay,

Ingmar: Sarah sagt Magenta, dann ist es Magenta.

Ingmar: Also Clotting Time hat keine Farbe, weil das einfach die Zeit ist,

Ingmar: die man abwarten muss, bis was passiert.

Ingmar: Dann kommt die Clot Formation Time, wo der Clot eben detektiert wird oder genau,

Ingmar: der Clot detektiert wird und von 2 mm auf 20 mm Amplitude ansteigt.

Ingmar: Das wird in den Rotems üblicherweise in Magenta dargestellt.

Ingmar: Und sobald der Clot eine 20 mm Amplitude erreicht hat, dann schaltet die Farbe auf Blau um.

Ingmar: Und der Rest des Thrombus wird üblicherweise in Blau dargestellt.

Ingmar: Und das ist der Weg, wie man am Gerät dann diese Zeiten ablesen kann,

Ingmar: wenn da keine Amplituden direkt angegeben sind.

Ingmar: Und der letzte Anteil der Parameter betrifft die Lyse, also wie der Klott wieder

Ingmar: an Festigkeit verliert.

Ingmar: Da kann man sich anschauen, da gibt es Lyseindizes, zum Beispiel den LI30, der Lyseindex 30.

Ingmar: Der schaut sich an, wie viel Amplitude, also Gerinnselfestigkeit,

Ingmar: hat der Klott nach 30 Minuten. Wie viel Prozent von der maximalen Gerinnselfestigkeit

Ingmar: sind nach 30 Minuten noch da?

Ingmar: Das ist der Lyseindex 30.

Ingmar: Oder der ML, der Maximum Lysis Wert, der guckt einfach, wie der maximale prozentuelle

Ingmar: Abfall der Amplitude innerhalb einer Stunde ist.

Ingmar: Also wie weit fällt der dann insgesamt zusammen?

Ingmar: Ein Normalwert für den Li30 wäre ein Festigkeitsverlust von unter 15%.

Ingmar: Und wenn es mehr ist, dann kann das ein Hinweis sein für eine übermäßige Fibrinolyse,

Ingmar: eine Hyperfibrinolyse.

Ingmar: Und dann würden wir uns überlegen, was wir dagegen tun könnten.

Ingmar: Zum Beispiel Tranex-Armsäure oder sowas geben. Beim Tech, die Kurve sieht vergleichbar aus.

Ingmar: Und die sagen halt nicht, es ist die Clotting-Time, sondern die sagen, es ist die R-Zeit.

Ingmar: Und die sagen nicht, es ist die Clot-Forming-Time, sondern es ist die K-Zeit.

Ingmar: Die sprechen halt von der Maximum-Amplitude anstatt der maximalen Clot-Festigkeit.

Ingmar: Also es ist einfach eine andere Nomenklatur, die man da übertragen kann.

Ingmar: Wir bleiben bei der Rotem-Nomenklatur. Das ist die, die wir benutzen.

Sarah: Jetzt haben wir uns die Grundparameter angeschaut vom Rotem.

Sarah: Jetzt kommen noch die verschiedenen Testansätze dazu.

Sarah: Mit den verschiedenen Testansätzen können wir die Gerinnung in unseren Messkövetten

Sarah: auf unterschiedliche Art und Weise aktivieren.

Sarah: Das heißt, wir können einzelne Strecken gezielt aktivieren oder andere auch

Sarah: unterdrücken, um dann genaueres über die Gerinnung sagen zu können.

Ingmar: Das ist so ein bisschen ein Gedankentwist, weil wir ja am Anfang gesagt haben,

Ingmar: komm, wir nehmen Vollblut und machen einen einfachen Test und haben damit den

Ingmar: ganzheitlichen Blick auf die Blutgerinnung.

Ingmar: Und jetzt bauen wir es doch wieder auseinander in Einzeltestkanäle,

Ingmar: in unterschiedliche Kameraperspektiven.

Sarah: Genau, aber die zusammen, wenn wir die alle übereinander legen würden,

Sarah: dann haben wir ein sehr ganzheitliches Bild.

Ingmar: Sehr ganzheitlich. Ich glaube, Sarah ist ein Rothem-Fan geworden.

Sarah: Ja, jetzt warte ich darauf, dass ich es nochmal anwenden kann.

Ingmar: Mach doch einfach.

Sarah: Ja, dafür ist es vielleicht ein bisschen teuer, um es einfach so zu machen.

Ingmar: Ja.

Sarah: Und das ist auch natürlich nur indiziert, wenn wir auch eine klinische Situation

Sarah: dafür haben. Beim Gesunden machen wir kein Roten.

Sarah: Genau, die verschiedenen Testansätze. Beim Rotem haben wir klassischerweise vier bis fünf Kanäle.

Sarah: Es gibt auch noch neuere Geräte wie ClotPro, die mehr Ansätze haben.

Sarah: Wir wollen jetzt erstmal über die wichtigsten Rotem-Ansätze sprechen.

Sarah: Das erste ist das XTEM. XTEM steht für extrinsisches System.

Sarah: Hier wird die Gerinnung, wie wir eingangs schon besprochen haben,

Sarah: durch den Tissue-Faktor, also den Gewebe-Faktor gestartet.

Sarah: So wie sie physiologisch auch beginnt. Der XTEM testet damit den extrinsischen

Sarah: Weg und die gemeinsame Endstrecke und spiegelt sozusagen die normale Gerinnung

Sarah: wieder inklusive Thrombozytenbeteiligung und Fibrinolyse.

Sarah: Und jetzt kommen wir zu dem, was du auch schon mal gesagt hattest.

Sarah: Wenn wir uns jetzt die CT im XTEM anschauen, dann ist das im Prinzip ähnlich wie der QUIC oder INR.

Sarah: Hat aber eine schlechte Korrelation, muss man leider dazu sagen.

Sarah: Aber genau, das ist im Prinzip das, was wir mit dem QUIC auch testen.

Ingmar: Es gibt neben dem X-TEM den zweiten klassischen Kanal, das ist das Intem.

Ingmar: Das bildet das intrinsische System ab. Und hier nimmt man einen anderen Zusatz,

Ingmar: nämlich einen Kontaktaktivator, zum Beispiel Kaolin.

Ingmar: Weißt du, wo Kaolin noch benutzt wird?

Sarah: Sag's mir.

Ingmar: Das ist in so hemostatischen Verbänden.

Sarah: Ah, okay.

Ingmar: Wie heißen die noch? Quick Clot solche Sachen aus der taktischen Medizin gibt

Ingmar: es als Pulver weißt du was Kaolin ist?

Ingmar: Das ist weiße Tonerde. Das ist einfach nur Tonerde. Ein Mineral,

Ingmar: kleine Steinchen, also ein Kontaktaktivator.

Ingmar: Einfach eine riesige Oberfläche, eine riesige Fremdoberfläche.

Ingmar: Das war der Bogen zur Einführung. Kaolin als Startreagenz, um den intrinsischen

Ingmar: Weg zu aktivieren. Der intrinsische Weg, das war der mit den Faktoren 8, 9, 11 und 12.

Ingmar: Und natürlich den gemeinsamen Faktoren, die es dann auch noch mitgibt.

Ingmar: Fibrinogen, Blutplättchen, Faktor 2, Faktor 5 und Faktor 10.

Ingmar: Also eine große Latte an Gerinnungsfaktoren.

Ingmar: Und die Clotting Time, die CT, die wir im Interm ablesen, also bis der Clot

Ingmar: entsteht unter Kaolinzugabe oder unter Klinzugabe, intrinsischem Wegaktivator-Zugabe.

Ingmar: Das ist sowas wie die PTT, aber eben im Vollblut und nicht im Heparinat normalerweise.

Ingmar: Also CT im Intem ist sowas wie die PTT, aber im Vollblut.

Ingmar: Und man kann jetzt Intem und Extem zusammen betrachten und könnte damit schon

Ingmar: so bestimmte Faktorenmangel, zum Beispiel Faktor 7 Mangel, der würde zum Beispiel

Ingmar: nur das Extem betreffen, schon erkennen,

Ingmar: wenn sich da was verändert.

Sarah: Als nächstes gibt es noch den Fibtem. Der Fibtem ist im Prinzip ein Xtem,

Sarah: wird genauso aktiviert.

Sarah: Aber es kommt noch eine zusätzliche Substanz dazu, das ist Zytochalazin D,

Sarah: ein Stoff, der die Thrombozytenfunktion blockiert.

Sarah: Zytocardazin D verhindert nämlich,

Sarah: dass die Thrombozyten sich aktiv zusammenziehen und vernetzen können.

Sarah: Das übrigbleibende Gerinnsel wird dann fast ausschließlich aus Fibrin gebildet.

Sarah: Mit dem Fibtem kann man also isoliert die fibrinogene Gerinnungsfähigkeit des

Sarah: Blutes ohne den Einfluss der Thrombozyten darstellen.

Sarah: Jetzt brauchen wir dazu dann das Xtem. Wenn wir XTEM und FIPTEM miteinander

Sarah: vergleichen, können wir gut unterscheiden,

Sarah: ob die Gerinnungsstörung durch Fibrinogenmangel oder eher Thrombozytenmangel

Sarah: oder Thrombozytendysfunktion hervorgerufen wird.

Sarah: Als Beispiel wäre, wenn die Stabilität des Klorts im XTEM stark vermindert ist,

Sarah: aber im FIPTEM normal, dann liegt wahrscheinlich ein Thrombozytenproblem vor.

Sarah: Denn sobald die Plättchen ausgeschaltet sind, sieht ja alles wieder normal aus.

Sarah: Sind hingegen XTEM und FIPTEM beeinträchtigt, dann spricht das eher für einen

Sarah: Fibrinogenmangel oder eine Fibrinpolymerisationsstörung oder auch eine kombinierte Störung.

Sarah: Was auch noch ganz interessant ist, ist, dass das FIPTEM das funktionelle Fibrinogen

Sarah: misst, im Gegensatz zur Labormethode, wo wir nur die Konzentration des Fibrinogens bestimmen,

Sarah: aber eben nicht des funktionellen Fibrinogens sozusagen.

Sarah: Gerade bei dem akuten Blutverlust kann das wichtig sein, denn das funktionelle

Sarah: Fibrinogen kann schon sehr früh abfallen, während das Labor eventuell noch normale Werte liefert.

Ingmar: Das Fibrinogen nach Klaus ist, glaube ich, der funktionelle Wert, ne?

Sarah: Genau.

Ingmar: Das ist nicht der normale Laborwert, sondern du kannst auch Fibrinogen nach

Ingmar: Klaus im Labor bestimmen lassen.

Ingmar: Aber dann ist es der funktionelle Wert. Das ist eigentlich der wertvollere.

Ingmar: Der nächste Kanal, den wir erläutern wollen, ist das Heptemp.

Ingmar: Da steckt Hep wie Heparin drin. Beim Fiptem war es ein Xtem mit Trick und das

Ingmar: Heptem ist ein Intem mit Trick.

Ingmar: Und zwar gibt man dann im Intem-Kanal noch Heparinase dazu, also ein Enzym,

Ingmar: was Heparin spaltet oder neutralisiert.

Ingmar: Und das ist dann interessant, wenn man ein Vollblut hat, bei dem man vermutet,

Ingmar: dass Heparin mit im Spiel ist.

Ingmar: Also bei Patienten mit Herz-Dungen-Maschine oder ECMO oder Antikoagulation unter Heparin.

Ingmar: Oder bei Patienten, bei denen wir das nicht genau wissen und uns fragen,

Ingmar: ist das jemand, der möglicherweise mit Heparin antikoaguliert wurde.

Ingmar: Und man kann eben über das Heptem den Heparin-Effekt aufheben im Blut.

Ingmar: Und das wiederum dann mit dem Intem vergleichen und über die Clotting-Time-Differenz

Ingmar: zwischen dem Intem und dem Heptem eben den Heparin-Effekt darstellen.

Ingmar: Wenn wir aber eine verlängerte Clotting-Time sowohl im Intem als auch im Heptem

Ingmar: haben, dann liegt es nicht am Heparin, sondern dann hat er einen echten Gerinnungsfaktorenmangel

Ingmar: und kein Heparin-Problem.

Ingmar: Und dann braucht er eben auch keinen Protamin, sondern Gerinnungsfaktoren.

Ingmar: Da ist das wichtig.

Sarah: Als letztes schauen wir uns noch den Abtem an. Der Abtem ist ein Test,

Sarah: der die Hyperfibrinolyse beweist.

Sarah: Eine Hyperfibrinolyse können wir auch in unserem Xtem schon sehen,

Sarah: dadurch, dass der Clot sich eben sehr schnell wieder auflöst.

Sarah: Mit dem Abtem kann man sie dann aber noch beweisen.

Sarah: Der Abtem ist nämlich auch ein X-Tem mit Trick, diesmal ein X-Tem mit A-Proteinin,

Sarah: also einem Antifibrinolytikum.

Sarah: Wenn der Abtem normal ist durch das Antifibrinolytikum, dann haben wir das nochmal

Sarah: bewiesen, dass eine Hyperfibrinolyse vorliegt.

Sarah: Also wir schauen uns X-Tem und Abtem gemeinsam an, beides wird parallel gestartet.

Sarah: X-Tem löst sich das Gerinn sehr schnell wieder auf.

Sarah: Im Abtem bleibt es aber stabil, dann ist es sehr wahrscheinlich,

Sarah: dass eine Hyperfibrinolyse vorliegt.

Sarah: Ist dagegen die Kurve in beiden Ansätzen instabil, dann war es wohl eher keine

Sarah: Parfibrinolyse, sondern das Gerinnsel ist aus anderen Gründen instabil.

Sarah: Der Mehrwert, den uns das Uptem liefert, ist,

Sarah: dass wir dann gezielt Antifibrinolytika wie Tranexamsäure einsetzen können und

Sarah: dass wir eine persistierende Hyperfibrinolyse auch bestätigen können und dann

Sarah: weiterhin therapieren können.

Ingmar: Das sind die klassischen Rotem-Kanäle, die uns zur Verfügung stehen.

Ingmar: In unserem Fall, was wir hier zur Verfügung haben, sind das Kassetten,

Ingmar: die uns geliefert werden, die vier von diesen fünf Kanälen können.

Ingmar: Und wir müssen uns dann immer entscheiden, machen wir lieber ein Heptem mit

Ingmar: oder machen wir lieber ein Abtem mit.

Ingmar: Die Xtem und Intem sind immer mit dabei und das Fiptem ist bei uns immer mit dabei.

Ingmar: Aber zwischen Heptem und Abtem müssen wir uns entscheiden.

Ingmar: Und da muss man sich eben die Fragestellung dazu überlegen. Und wenn man das

Ingmar: macht, dann bieten diese viskoelastischen Verfahren eigentlich eine ganz smarte,

Ingmar: differenzierte Sicht auf die verschiedenen Wege und Probleme.

Ingmar: Fibrin oder Plättchen, Heparin-Effekt, Fibrinolyse und das alles als Point-of-Care-Diagnostik

Ingmar: im OP oder auf der Intensivstation.

Sarah: Oder im Schockraum.

Ingmar: Und das ist schon ganz cool. Und Sarah hat vorhin gesagt, es dauert ja,

Ingmar: bis es vollständig ist, 30 bis 60 Minuten, eben um die Lüse-Indizes mitbestimmen zu können.

Ingmar: Aber wenn wir über die Clotting-Time sprechen, dann dauert es eben nicht 60 Minuten, hoffentlich,

Ingmar: sondern da haben wir eben schon die ersten Hinweise innerhalb von wenigen Minuten,

Ingmar: bis wir sagen können, wie das PTT-Analogon oder das Quick-Analogon im Intem

Ingmar: oder im Extem ist oder ob wir eben Fibrinogen brauchen,

Ingmar: bevor möglicherweise die Laborprobe im Labor angekommen ist,

Ingmar: haben wir da schon die ersten Hinweise. Das ist cool.

Ingmar: Die Folge ist voller Abkürzungen und voller Beschreibungen von Bildern.

Ingmar: Nehmt euch einfach bitte die in den Shownotes verlinkten Flowcharts und Kurvenbeispiele

Ingmar: einfach mit dazu, dann fällt es euch leichter, unseren Ausführungen zu folgen.

Ingmar: Und wenn euch das gelingt, ohne das zu machen, dann habt ihr unseren größten Respekt.

Ingmar: Ich glaube, das ist eine Herausforderung, hier zuzuhören.

Sarah: Das ist eher keine Folge zum Spazieren oder Joggen gehen.

Ingmar: Da muss man langsam laufen oder man muss im Kreis laufen.

Sarah: Haben wir überhaupt ein Codewort?

Ingmar: Hast du eins? Ich bin hin und her gerissen, weil mich die Codewörter ehrlich

Ingmar: gesagt ein bisschen nerven.

Ingmar: Ich finde das bescheuert, zu sagen, sag mir ein Codewort, um zu beweisen,

Ingmar: dass du zugehört hast. Das beweist überhaupt nichts.

Ingmar: Sondern das beweist, dass du das Codewort gefunden hast oder dir jemand das Codewort gesagt hat.

Ingmar: Und ich finde, es ist Erwachsenenbildung und wenn ihr das Gefühl habt,

Ingmar: ihr habt das in dieser Folge gelernt und das ist CME-Punkte wert, dann kriegt ihr die.

Ingmar: Ich weiß auch nicht, wenn ich eine Vorlesung halte, frage ich auch nicht nach

Ingmar: einem Codewort in der Mitte,

Ingmar: und frage auch nicht ab, hast du mir wirklich zugehört und wie viel hast du

Ingmar: dir gemerkt von dem, was ich erzählt habe und trotzdem kriegst du die Teilnahmebescheinigung.

Sarah: Vielleicht Ich werde uns im Laufe der Folge eins ein, das richtig cool und prägnant

Sarah: ist. Mörtel zum Beispiel.

Ingmar: Wie?

Sarah: Mörtel.

Ingmar: Okay, das ist auch gut.

Sarah: Oder?

Ingmar: Ja, Mörtel.

Sarah: Mörtel als Sinnbild für Fibrino gehen.

Ingmar: Dann lass uns jetzt doch die Funktions... Der nächste Abschritt ist ja nochmal der Hausbau.

Sarah: Ja.

Ingmar: Und dann passt Mörtel ja gut rein.

Sarah: Genau.

Ingmar: Mörtel.

Sarah: Um das Ganze nochmal ein bisschen zu veranschaulichen, haben wir uns eine Analogie überlegt.

Sarah: Und zwar stellen wir uns jetzt vor, dass der Gerinnselbau einem Hausbau ähnelt.

Sarah: Die CT wäre die Zeit, bis die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter und die Materialien

Sarah: da sind und der erste Stein gesetzt wird.

Sarah: Also die Verzögerung, bevor es richtig losgeht.

Sarah: Wenn das zu lange dauert, dann liegt es vielleicht an bürokratischen Verzögerungen.

Sarah: Blut sind das die Gerinnungsfaktoren oder deren Aktivierung, die uns fehlt.

Ingmar: Oh, das fehlt Zement. Der wird einfach nicht geliefert. die Clot-Forming-Time und der Alpha-Winkel.

Ingmar: Das ist die Geschwindigkeit, mit der die Wände dann hochgezogen werden.

Ingmar: Gibt es genug Ziegel, also Thrombozyten und gibt es genug Mörtel. Sowas wie Fibrinogen.

Ingmar: Und wenn ja, dann kann man die Wand schnell hochziehen, also mit einem steilen

Ingmar: Alpha-Winkel, das ist eine steile Wand.

Ingmar: Und mit einer kurzen Clot-Forming-Time. Wenn Material fehlt,

Ingmar: dann stockt der Bau und zieht sich.

Ingmar: Oder die Wand wird schief. Dann hat es einen flachen Winkel und eine lange Clot-Forming-Time.

Sarah: Die Stabilität des fertigen Hauses zeigt uns dann die MCF.

Sarah: Daran können wir erkennen, ob das Haus solide gebaut ist, sind Wände und Mörtel

Sarah: von guter Qualität und eine hohe MCF heißt, das Haus steht stabil.

Sarah: Ein niedriger MCF heißt, das Haus ist wackelig, vielleicht fehlen Siegel oder

Sarah: der Mörtel taugt nichts und das Haus droht einzustürzen.

Ingmar: Und als letztes die Lyse, das ist dann sowas wie Abrissbirne oder Termiten.

Ingmar: Termiten passt bei Steinen natürlich nicht, aber die Abrissbirne,

Ingmar: die nach einer Zeit beginnt, das Haus wieder abzutragen, der Zahn der Zeit.

Ingmar: Und wenn das zu früh kommt, dann haben wir eine Hyperfibrinolyse und dann wird

Ingmar: schon während des Baus möglicherweise mit dem Abriss begonnen.

Ingmar: Dann haben wir ein Problem. Das ist Hyperfibrinolyse.

Sarah: Hoffentlich hilft diese Analogie, dass man sich die Parameter besser merken kann.

Sarah: CT wäre der Baustart, CFT die Baugeschwindigkeit, die MCF die Stabilität des

Sarah: Hauses und die Lyse der Abriss.

Ingmar: Das ist der perfekte Moment, um das Codewort der aktuellen Episode zu nennen.

Ingmar: Sarah hat das Codewort ausgesucht und sie hat sich entschieden für Mörtel.

Sarah: Lassen wir unsere fiktive Baustelle hinter uns und wenden wir uns der Realität zu.

Sarah: Jetzt möchten wir darüber sprechen, wie uns Rotem oder Tech nun konkret in der

Sarah: Klinik helfen und wie ein darauf basierter Handlungsalgorithmus aussieht.

Ingmar: Und das machen wir mit Beispielen. Stell dir vor, du bist im Schockraum oder

Ingmar: im OP und es kommt ein Patient, der blutet richtig stark.

Ingmar: Und jetzt musst du schnell entscheiden, was du transfundierst oder substituierst.

Ingmar: Und es gibt pragmatische Konzepte, Massentransfusionsprotokolle,

Ingmar: die werden dann ausgelöst.

Ingmar: Und dann kriegst du Kühlboxen, da sind

Ingmar: Blutprodukte drin, zum Beispiel im Verhältnis 4 EKs, 4 Plasmen und 1 TK.

Ingmar: Das ist so das, was es bei uns gibt und das kommt so lange, bis jemand Stopp sagt.

Ingmar: Es gibt aber auch im Zeitalter der individualisierten Medizin vielleicht Ansätze,

Ingmar: die zielgerichteter und individueller,

Ingmar: ressourcenschonender arbeiten können, um ganz gezielt das zu ersetzen,

Ingmar: was unseren Patienten wirklich fehlt, als ein 4 zu 4 zu 1 Schema.

Ingmar: Und da könnte uns Rotem helfen. Wie läuft das jetzt praktisch ab?

Sarah: Also in der Akutsituation müssen wir den Patienten möglichst früh Blut abnehmen

Sarah: und die Rotem-Analyse starten.

Sarah: Gleichzeitig nehmen wir natürlich auch das Notfall, das klassische Notfalllabor mit ab.

Sarah: Und eines der Röhrchen, das kommt in das Point-of-Care-Gerät, unser Rotem-Gerät.

Sarah: Dann müssen wir uns entscheiden, welche vier Testansätze wir haben wollen.

Sarah: Und innerhalb von fünf bis zehn Minuten sehen wir dann schon die ersten Zwischenergebnisse.

Sarah: Die CT dürfte dann im Idealfall beendet sein und die ersten Amplituden,

Sarah: also die A5 und die A10-Werte, das sind die Amplitude nach 5 und 10 Minuten

Sarah: als frühere Parameter für die MCF,

Sarah: die müssten dann auch schon ablesbar sein.

Sarah: Vollständig ist die Kurve erst so nach 20 bis 30 Minuten, aber so lange warten

Sarah: wir natürlich nicht untätig, sondern beurteilen dynamisch, was sich abzeichnet

Sarah: und wir können bereits während der Test noch läuft schon Blutprodukte oder Medikamente verabreichen.

Ingmar: Wir könnten zum Beispiel im FIPTEM nach fünf Minuten sehen, ob das niedrig ist,

Ingmar: eine niedrige Amplitude hat, dann würde man nicht zögern, auch Fibrinogen zum

Ingmar: Beispiel zu substituieren.

Sarah: Oder nimm an, der X-Tem-CT ist verlängert, dauert zum Beispiel 100 Sekunden

Sarah: und es gibt keinen Verdacht auf Heparinwirkung.

Sarah: Das heißt, der Start der Gerinnung hapert.

Sarah: Was wären mögliche Maßnahmen? Wir können Gerinnungsfaktoren zuführen.

Sarah: In vielen Algorithmen würde man bei verlängerter CT an FFPs denken oder auch

Sarah: an PPSB, je nach Situation und vorhandenen Präparaten.

Sarah: Bei Trauma zeichnet sich der Trend ab, eher Faktorenpräparate, also PPSB zu geben.

Sarah: Darin sind Faktor 2, Faktor 7, Faktor 9 und Faktor 10 enthalten.

Sarah: Die verbessern die Quick-Werte bzw. die CT im XTEM.

Sarah: Und FFP ist vor allem zur Volumensubstitution geeignet bei massiver Transfusion.

Sarah: Aber das ist ein komplexes Thema. Was wir festhalten wollen,

Sarah: ist die CT verlängert, dann brauchen wir Unterstützung für die plasmatische Gerinnung.

Ingmar: Im XTEM könnten wir uns die MCF anschauen, also die maximale Clot Firmness.

Ingmar: Und wenn die auch niedrig ist, dann könnte das für einen kombinierten Mangel

Ingmar: aus Fibrinogenen und Thrombozyten sprechen.

Ingmar: Das heißt, Fibrinogen geben und über Thrombozytenkonzentrate nachdenken.

Ingmar: Und wir haben ja oben schon das FIPTEM uns angeschaut, wo wir genau diese Frage

Ingmar: eben auch mit beantwortet haben.

Ingmar: Wie viel davon ist Fibrinogenanteil und wie viel davon ist Thrombozytenanteil?

Ingmar: Damit verbinden wir diese beiden Kanäle, um eben die Frage zwischen Fibrinogen

Ingmar: und Thrombozyten zu klären oder eben beides zu geben.

Sarah: Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Hyperfibrinolyse. In der großen CRASH-2-Studie

Sarah: wurde ja Tranexamsäure allen starken Blutern gegeben, weil es nachweislich die Mortalität senkt.

Sarah: Mit Rotem kann man aber tatsächlich sehen, ob eine Hyperfibrinolyse vorliegt.

Sarah: Und fällt zum Beispiel im XTEM die Amplitude schon nach 10 bis 15 Minuten wieder

Sarah: ab oder ist die LI30 sehr niedrig und die ML hoch, dann liegt wahrscheinlich

Sarah: eine Hyperfibrinolyse vor.

Sarah: Wenn dann der Abtem-Ansatz stabil bleibt, also der Clot breit bleibt,

Sarah: dann ist klar, es war wirklich eine Hyperfibrinolyse und das heißt,

Sarah: Tranexamsäure ist definitiv indiziert.

Ingmar: Die unterschiedlichen Crash-Studien, Crash 1, 2 und 3, Crash 1 hat damit nichts

Ingmar: zu tun, aber die versuchen herauszufinden,

Ingmar: welchen Stellenwert hat Tranexamensäure eigentlich wirklich.

Ingmar: Und darauf ist die Antwort noch nicht klar, auch nach Crash 2 und 3.

Ingmar: Und das ist so ein Kommen und Gehen und mal wird es ein bisschen cooler und

Ingmar: mal wird es ein bisschen weniger cool.

Ingmar: Am Ende ist das ja auf Verletzungsmuster und Populationsdaten gemünzt, diese Crash-Studien.

Ingmar: Und hier können wir jetzt eben funktionell auf die Blutgerinnung gucken und

Ingmar: dann entscheiden, ist das jemand, der funktionell unter Hyperfibrinolyse leidet

Ingmar: und dann da die entsprechende Therapie einleiten.

Sarah: Wichtig ist auch, dass wir mit dem Rotem dann nochmal schauen können,

Sarah: ob trotz Tranexam-Substitutsäuregabe die Fibrinolyse weitergeht und dann können

Sarah: wir auch eine zweite Dosis erwägen.

Sarah: Was man dabei aber im Hinterkopf behalten muss, ist, dass ein normales Rotem,

Sarah: also ein normales Abtem, eine Hyperfibrinolyse nicht völlig ausschließt,

Sarah: weil die Sensitivität nicht bei 100% liegt.

Ingmar: Das hängt am Aktivierungsweg, dass wir über das A-Proteinin kommen und dass

Ingmar: es möglicherweise noch andere Wege gibt,

Ingmar: die eine Hyperfibrinolyse auslösen können, die eben unabhängig sind von der

Ingmar: A-Proteinin-Markierung in unserem viskoelastischen Verfahren.

Sarah: Ein wichtiges Anwendungsgebiet für Rotem ist die Herzchirurgie.

Sarah: Nach einer Herz-Lungen-Maschine haben die Patienten oft Heparin an Bord und

Sarah: einen Verbrauch an Faktoren und Thrombozyten.

Sarah: Und hier fährt man gerne parallel Intem und Heptem.

Sarah: Zum Beispiel der Patient blutet in der Thoraxdrainage und das Rotem zeigt eine

Sarah: stark verlängerte Intem-CT, aber das Heptem ist normal.

Sarah: Das heißt für uns, der Patient hat noch Restheparin und die Lösung ist Protamin

Sarah: zu geben und zu schauen, ob die Blutung stoppt.

Sarah: Oft erledigt sich das Problem dann schon von selbst.

Sarah: Nicht von selbst, aber durch Protamin. hätte man in diesem Fall vorschnell FFP

Sarah: gegeben, hätte es wenig gebracht.

Ingmar: Ja, auf das FFP könnte man ja kommen, weil das Intemp verlängert ist.

Ingmar: Aber mit dem Heptemp haben wir bewiesen, dass es eben das nicht ist.

Ingmar: Also mit einem normalen Heptemp Clotting Time, wo wir die Heparin-Wirkung eben,

Ingmar: aktiv rausgerechnet haben oder rausgemessen haben, sagt uns,

Ingmar: dass das Problem genau da liegt.

Sarah: Aber auch andersrum, wenn Intemp und Heptemp Wenn beide verlängert sind,

Sarah: weiß man, dass es kein Heparin-Effekt ist, sondern tatsächlich Gerindungsfaktoren fehlen.

Sarah: Dann bringt uns das Protamin nichts und wir müssen Plasma und Faktoren substituieren.

Ingmar: Patienten mit Lebertransplantation sind auch Patienten, bei denen die Gerinnungssituation

Ingmar: häufig völlig durcheinander, schon vor der Operation geraten sein kann.

Ingmar: Und viele Transplantationszentren nutzen Rotem, um in der Reperfusionsphase

Ingmar: sofort zu sehen, ob es eine Hyperfibrinolyse gibt.

Ingmar: Das ist gar nicht so selten, weil diese neuen Lebern häufig diesen TPA,

Ingmar: den Tissue-Plasmin-Aktivator, ausschütten.

Ingmar: Und dann kann man rechtzeitig eben der Hyperfibrinolidüse mit Tranexamsäure entgegensteuern.

Ingmar: Oder man kann schauen, ob ganz viel Fibrinogen nötig wird.

Ingmar: Und es gibt auch Fachgesellschaften, die da viskoelastische Methoden in solchen

Ingmar: Situationen ausdrücklich empfehlen, auch wenn die Evidenz da nicht super gut ist.

Sarah: Auch in der Geburtshilfe, wir denken an peripartale Blutung,

Sarah: hält Rotem so langsam Einzug.

Sarah: Bei schwerer postpartaler Hämorrhagie kann man zum Beispiel sehen,

Sarah: ob schon früh das Fibrinogen im Keller ist,

Sarah: was häufig der Fall ist bei Plazentalösungsstörungen oder ähnlichem und dann

Sarah: auch gezielt Fibrinogen substituieren, anstatt blind 4 Liter Plasma zu transfundieren.

Ingmar: Also Rotem oder die viskoelastischen Verfahren, die gewinnen immer mehr Einfluss in die Leitlinien,

Ingmar: werden da Bestandteil und auch die deutsche Polytrauma-Leitlinie betont mittlerweile

Ingmar: so eine frühe Verwendung von Rotem zu Steuerung von der Hämotherapie und auch

Ingmar: die ESAIC-Leitlinien von 2022 zu perioperativen Blutungen empfehlen ebenfalls

Ingmar: viskoelastische Tests.

Ingmar: Das heißt, da sieht man, es wird immer mehr und immer mehr und dieser Point-of-Care-Anteil

Ingmar: gewinnt an Stellenwert.

Ingmar: Verlinken wir euch in den Show Notes.

Sarah: Zudem gibt es jetzt auch schon zielgerichtete Algorithmen, anhand derer man

Sarah: berechnen kann, was zu transfundieren ist und wie viel.

Sarah: Und das soll zu besseren Outcomes führen.

Sarah: Tatsächlich hat eine Übersichtsarbeit, die Tech- und Rotem-basierte Konzepte

Sarah: angewendet hat, gezeigt, dass diese den Blutproduktverbrauch reduzieren konnten.

Sarah: Und in manchen Studien gab es sogar einen Trend zu geringerer Mortalität mit

Sarah: Rotem-gesteuerte Therapie, obwohl die Datenlage da noch nicht ganz einheitlich ist.

Sarah: Wichtig ist aber auch, dass das Team eine Rotem-Auswertung beherrschen muss

Sarah: und in einer stressigen Situation die richtigen Schlüsse ziehen muss.

Sarah: Deswegen gehören diese Algorithmen inzwischen in viele Schulungsprogramme für

Sarah: Anästhesie und Intensivmedizin.

Sarah: Das ist aber auch eine Limitation vom Rotein.

Sarah: Anwenderkompetenz.

Ingmar: Das ist häufig eine Limitation von Verfahren. Wir feiern hier in dem Podcast

Ingmar: jetzt ja gerade so ein bisschen die viskoelastischen Verfahren. Natürlich.

Sarah: Ja.

Ingmar: Und wir haben schon so ein paar Vorteile genannt. Die fassen wir jetzt gleich nochmal zusammen.

Ingmar: Aber dann können wir auch mal die Kehrseite der Medaille so ein bisschen beleuchten.

Ingmar: Und vielleicht kommt dann raus, dass es vielleicht doch nicht der Weisheit allerletzter

Ingmar: Schluss ist und dass es auch Nachteile hat.

Ingmar: Die Vorteile waren Zeit. Wir können die als Point-of-Care-Diagnostik innerhalb

Ingmar: von wenigen Minuten interessante Informationen über die Blutgerinnung kriegen.

Ingmar: Das ist deutlich schneller als mit einer normalen Labordiagnostik.

Ingmar: Das ist zwar noch nicht sofort, aber immerhin schnell.

Ingmar: Zweitens der ganzheitliche Blick auf die Gerinnung.

Ingmar: Wir sehen den ganzen Prozess von der Initiation über die Verstärkung bis hin

Ingmar: zur Stabilisierung und in die Fibrinolyse hinein.

Ingmar: Da gibt es keinen anderen Test, der uns auf einen Schlag alle diese Faktoren

Ingmar: oder alle diese Bereiche der Blutgerinnung darstellt.

Ingmar: Das heißt, wir können Dinge diagnostizieren, die schwierig ansonsten zu finden gewesen wären.

Ingmar: Meine Lieblingsquelle ist ja immer die Range Physiology. Großer Respekt vor dem Kollegen,

Ingmar: der schreibt oder der zitiert da eine Arbeit, in der es heißt,

Ingmar: dass man mit Tech oder mit Rotem zusätzliche Gerinnungsprobleme finden kann,

Ingmar: die man mit den Standardtests vielleicht nicht erkannt hätte.

Ingmar: Wenn es einem eben nicht möglich ist, Einzelfaktorenanalysen zu machen,

Ingmar: dann schafft man es vielleicht mit den viskoelastischen Verfahren darauf zu

Ingmar: kommen und es dann eben doch zu substituieren.

Sarah: Ein weiterer Vorurteil von den viskoelastischen Verfahren ist,

Sarah: dass sie zu einer gezielteren Therapie führen.

Sarah: Sie erlauben uns fokussiert das zu geben, was fehlt.

Sarah: Sei es Fibrinogen oder Gerinnungsfaktoren oder Thrombozyten oder eben unsere

Sarah: geliebte Tranexamsäure.

Sarah: Das schont zum einen Ressourcen und vermutlich auch den Patienten,

Sarah: weil unnötige Transfusionen vermieden werden.

Ingmar: Und das spart ja auch Kosten und Komplikationen vielleicht. Dass es bettseitig

Ingmar: machbar ist, hatten wir schon gesagt.

Ingmar: Den letzten Vorteil, den man vielleicht noch nennen kann, ist,

Ingmar: dass man auch Hyperkoagulabilität,

Ingmar: bestimmen kann oder erkennen kann, was im Labor schwierig ist.

Ingmar: Und das ist gerade so bei Patienten, die in einem Fibrinolyse-Shutdown,

Ingmar: zum Beispiel im septischen Schock sind, vielleicht auch was,

Ingmar: was wissenswert und behandlungsbedürftig ist.

Sarah: Jetzt müssen wir uns auch eingestehen, dass Rotem nicht perfekt ist,

Sarah: dass kein Verfahren perfekt ist und über die Limitationen sprechen.

Sarah: Wir hatten schon mal angesprochen, dass die viskoelastischen Verfahren nicht

Sarah: so sensitiv für bestimmte Gründungsstörungen sind.

Sarah: Zum Beispiel können die oralen Antikoagulantien oder niedermolekulare Heparine

Sarah: übersehen werden. Zum Beispiel bei prophylaktischer Dosis von niedermolekularen

Sarah: Heparin kann das Rotem vollständig normal sein.

Sarah: Und sogar bei therapeutischer Antikoagulation mit DOAX wie dem Rivaroxaban oder

Sarah: auch mit Comarin können die Rotem-Werte unauffällig sein.

Sarah: Es gibt wohl Berichte, dass ein Patient unter Markomar trotz verlängertem INR

Sarah: ein völlig normales Rotem hatte, weil die Tissue Factor Aktivierung im XTEM so stark ist,

Sarah: dass die verminderte Faktorenaktivität kaschiert wird.

Sarah: Auch Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS werden oft nicht erkannt.

Sarah: Die Kurve sieht größtenteils normal aus, obwohl die Thrombozyten nicht ordentlich aggregieren können.

Sarah: Und für solche Fälle bräuchte es dann separate Tests, wie zum Beispiel Multiplate oder PFA.

Ingmar: Multiplate können wir ja auch, Point of Care machen. Da müssen wir aber noch pipettieren.

Sarah: Genau, wenn man dann Rotem und

Sarah: Multiplate kombiniert, kann man natürlich wieder mehr Aussagen treffen.

Ingmar: Ja.

Sarah: Aber Rotem alleine bildet die primäre Gerinnung, also die thrombozytenbedingte

Sarah: Gerinnung nicht so gut ab.

Ingmar: Ich finde es mit dem Rotem schwierig, leichte Faktordefizite aufzudecken.

Ingmar: Da verlasse ich mich vor allem in der Intensivtherapie dann eben auf die Spiegelbestimmungen im Labor.

Ingmar: Und es ist manchmal schon ein Unterschied, ob der Faktor 13, 47 oder 63 ist.

Ingmar: Und das kann mir ein Rotem nicht zeigen. Und daran hängt auch die Antwort auf

Ingmar: die Gerinnungsstörung.

Ingmar: Es ist viel leichter auf einen Zahlenwert eine Therapiedosis der Faktoren oder

Ingmar: des Fibrinogens zu finden und eine erwartete Wirkung abzuschätzen.

Ingmar: Das fällt mir persönlich mit dem Rotem, mit dem Blick auf die Amplitude der

Ingmar: Viscoelastizität schwer.

Sarah: Ja, das stimmt. Aber manchmal ist so eine isolierte, verminderte Zahl auch gar nicht so relevant.

Sarah: Also Rotem zeigt uns ja vor allem auch, was wir vielleicht nicht brauchen.

Ingmar: Stimmt.

Sarah: Da liegt ja vor allem der große Vorteil von Rotem, dass wir eben dann doch Blutprodukte sparen,

Sarah: weil sie vielleicht im Labor die Thrompozyten erniedrigt sind,

Sarah: aber im Rotem sehen wir, dass die Gerinnung trotzdem ganz gut abläuft oder eine

Sarah: andere Ursache, Hauptursache für die Gerinnungsstörung vorliegt.

Sarah: Was auch noch zu erwähnen ist, dass in unserem Rotem-Gerät physikalische Bedingungen herrschen.

Sarah: Also die Blutprobe wird auf 37 Grad erwärmt und die Hypothermie,

Sarah: die in vivo die Gerinnung verschlechtern könnte, wird dann im Testergebnis nicht abgebildet.

Sarah: Außerdem herrscht im Patienten, also im Gefäßsystem, eine hohe Scherkraft,

Sarah: die für den von Willebrand-Faktor und die Plättchenartension wichtig sind.

Sarah: Diese fehlt im Rotem-Gerät, da sind recht geringe Scherkräfte,

Sarah: weshalb auch das von Willebrand-Syndrom nicht zuverlässig abgebildet wird im Rotem.

Ingmar: Noch ein Nachteil ist, dass wir uns um die Rotem-Geräte selber kümmern müssen.

Ingmar: Das nervt oder es nervt nicht, es ist halt Arbeit, die müssen gewartet werden,

Ingmar: die brauchen Qualitätskontrollen.

Ingmar: Und zwar immer genau dann, wenn man es benutzen möchte.

Ingmar: So gefühlt. Ihr kennt auch den Effekt, wenn ihr irgendwie eine BGA machen wollt

Ingmar: und es ist gerade die Analyse, es läuft gerade irgendwie so ein Selbsttest und

Ingmar: unsere Rotem-Geräte, die wollen

Ingmar: auch viele Selbsttest und viele Qualitätskontrollen und dann muss man,

Ingmar: sich darum kümmern oder jemanden anrufen, der sich darum kümmert.

Ingmar: Das ist, wenn ich das ins Labor schicke, muss ich mich da nicht darum kümmern,

Ingmar: sondern das ist einfach dann auf andere Leute übertragen.

Ingmar: Das ist schon dann ganz angenehm. Also es hat einen höheren Aufwand,

Ingmar: was Gerät und Durchführung angeht.

Ingmar: Man muss Leute schulen und man muss irgendwie Qualitätsmanagement machen.

Ingmar: Das heißt, man braucht Personal dafür und das kann schon eine Hürde sein,

Ingmar: da Einweiser und Kosten aufbringen zu können, um so ein Gerät dauerhaft betreiben zu können.

Sarah: Deswegen eignet sich Rotem ja vor allem auch für die akuten Blutungssituationen

Sarah: und nicht als dauerhafte Überwachungsparameter.

Sarah: Also zum Beispiel auf der Intensivstation würden wir ja keine kontinuierlichen

Sarah: oder wiederholten Rotemmessungen machen, einfach weil dann doch der Kostenaufwand sehr hoch ist.

Ingmar: Weißt du, was es kostet?

Sarah: Nee.

Ingmar: Was schätzt du, was eine Rotem Sigma Complete Kassette kostet?

Sarah: Eine Kassette ist ein Testdurchlauf. Ich würde mal so sagen 36 Euro.

Ingmar: Ich würde sagen, es sind eher so 80 Euro.

Sarah: 80 Euro?

Ingmar: Ja, so ungefähr. Vielleicht ist es, wenn du viele kaufst, billiger.

Sarah: Ja.

Ingmar: Aber so in Größenordnung 80 Euro.

Sarah: Okay.

Ingmar: Da musst du schon mindestens ein EK sparen.

Sarah: Ja.

Ingmar: Dass sich das lohnt. Also die Labortests, vor allem die spezifischen oder die

Ingmar: speziellen Labortests, die sind auch teuer, aber häufig machst du halt beides.

Ingmar: Du gibst halt nochmal eine ganze Menge Geld für Diagnostik aus.

Sarah: Aber wenn du dir dafür ein TK sparen kannst, das ist schon gut.

Ingmar: Du musst dir halt TK sparen. Das heißt, du musst dir alle vier Rothems musst du dir ein TK sparen. Ja.

Ingmar: Ungefähr.

Sarah: Entscheide dich. Möchtest du Rotem oder möchtest du das TK?

Ingmar: Genau. Schlimm ist, wenn du das Rotem machst und sagst, jetzt brauchen wir einen TK.

Ingmar: Wenn du schon vorher den Verdacht hattest. Nein, natürlich geht es um Patientenversorgung

Ingmar: und da soll es nicht um Geld gehen. Aber Rotem-Diagnostik ist teuer.

Sarah: Was ich noch ergänzen würde zu den physikalischen Bedingungen,

Sarah: ist, dass man, wenn man Rotem macht, immer im Kopf behalten sollte,

Sarah: auch das Gesamtbild sich anzuschauen.

Sarah: Also nicht nur das Rotem, sondern auch eine BGA mit dazu anzuschauen und zu gucken,

Sarah: gerade so bei einem Polytrauma-Patienten haben wir eine Acidose,

Sarah: haben wir eine Hypothermie oder auch eine Hypokalzämie, weil die eben nicht

Sarah: im Rotem dargestellt werden und für Gerinnungsstörungen,

Sarah: vor allem so akute Blutungen eben sehr wichtig sind.

Sarah: Let it try it ist das Stichwort.

Ingmar: Ja, cool.

Sarah: Wir haben noch einen Hinweis, den wir zwar schon mal angesprochen haben,

Sarah: aber der nochmal erwähnenswert ist.

Sarah: Die negativen Ergebnisse im Rotem schließen nicht immer alles aus.

Sarah: Zum Beispiel bei der Hyperfibrinolyse haben wir das gesagt, ein unauffälliger

Sarah: Abdem schließt eine Hyperfibrinolyse nicht vollständig aus.

Sarah: Das muss man dann halt im Kopf behalten.

Ingmar: Okay. Ich glaube, wir sind damit am Ende von unserem wesentlichen Skript angekommen.

Ingmar: Das war ein ziemlich tiefer Ritt durch die viskoelastischen Verfahren und wir

Ingmar: haben versucht, in einem Podcast Dinge zu verbildlichen.

Ingmar: Das ist schwierig. Ich hoffe, das hat einigermaßen geklappt.

Ingmar: Wir würden jetzt nochmal versuchen, eine ganz kurze Zusammenfassung von allem,

Ingmar: was wir bisher besprochen haben zu den viskoelastischen Verfahren abzuliefern.

Ingmar: Die Zusammenfassung der Folge in so wenig Worten wie möglich.

Ingmar: Erstens. Schwere Blutungen sind gefährlich.

Ingmar: Da muss man was machen. Die sind selten, aber wenn sie auftreten,

Ingmar: ist es gefährlich und dann muss man ein proaktives Gerinnungsmanagement machen.

Sarah: Zweitens. Die Hämostase läuft in zwei Phasen ab.

Sarah: Wir haben über die primäre Hämostase, den Thrombozytenpfropf gesprochen und

Sarah: die sekundäre Hämostase, bei der sich ein Fibrinnetz bildet und die Fibrinolyse

Sarah: als Aufräumtrupp sozusagen. sagen.

Sarah: Gerinnungsfaktoren und Plättchen arbeiten zusammen und wir haben natürliche

Sarah: Inhibitoren wie Antithrombin und Protein C und Protein S, die die Gerinnung

Sarah: begrenzen, damit sie nicht überschießt.

Ingmar: Drittens, die klassischen Labortests für Gerinnung betrachten,

Ingmar: zum Beispiel bei INR, bei der APTT, Fibrinogen oder Thrombozytenanzahl,

Ingmar: betrachten immer nur Teilaspekte und können akut täuschen.

Ingmar: Die korrelieren nämlich oft schlecht mit der tatsächlichen Blutungsneigung.

Ingmar: Und ein Patient mit normalen Laborwerten kann aber eine Hyperfibrinolyse oder

Ingmar: eine Plättchenfunktionsstörung haben, die man in den Standardtests eben nicht erkennt.

Sarah: Viertens, viskoelastische Testverfahren wie Rotem zeigen die gesamte Gerinnungsdynamik im Vollblut.

Sarah: Wichtige Parameter sind hier die CT, die die Startzeit der Gerinnung oder die Reaktionszeit zeigt.

Sarah: Die CFT und der Alpha-Winkel, die die Aufbaugeschwindigkeit des Klots zeigen,

Sarah: die MCF, also die Klottfestigkeit, und die Düse, die das Fibrinolyse-Ausmaß zeigt.

Sarah: Mit speziellen Ansätzen wie Extem, Intem,

Sarah: Fibtem, Heptem und Abtem lassen sich die Ursachen von Gerinnungsstörungen differenzieren,

Sarah: wie zum Beispiel Fibrinogenmangel versus Thrombozytenproblemen,

Sarah: Heparin-Effekt oder Hyperfibrinolyse und so weiter.

Ingmar: Fünftens, mit den viskoelastischen Verfahren ermöglichen wir vielleicht eine

Ingmar: zielgerichtete Therapie bei den Blutungen.

Ingmar: Und man kann anhand der Kurven entscheiden, ob man zum Beispiel Fibrinogen substituiert,

Ingmar: wenn das FIPTEM niedrig ist, oder Protamin gibt, wenn man Heparin-Effekte im

Ingmar: HEPTEM sieht, oder Tranexamsäure geben, wenn man Lyse sieht.

Ingmar: Thrombozyten bei zum Beispiel niedrigem XTEM-MCF und normalem FIPTEM.

Ingmar: Und das empfehlen auch die Leitlinien wie zum Beispiel die S3 Polytrauma Leitlinie.

Sarah: Sechstens, wir müssen die Grenzen von Rotem kennen.

Sarah: Ein normales Rotem schließt Medikamenteneinflüsse, vor allem von Antikoagulantien

Sarah: und Thrombozytenaggregationshämmern sowie milde Gerinnungsstörungen nicht aus.

Sarah: Biscoelastische Tests müssen korrekt durchgeführt und interpretiert werden und

Sarah: ersetzen auch keine chirurgische Blutstellung.

Ingmar: Ja, wir haben das auch das Thema Rotem noch mit einem Song vertont.

Ingmar: Ich finde, das ist auch wieder ein bisschen mit Ohrwurmcharakter und mir hilft

Ingmar: das dabei, bestimmte Aspekte mir für immer zu merken und ins Gehirn zu brennen.

Ingmar: Aber es könnte auch daran liegen, dass ich das jetzt schon viel zu oft gehört habe.

Ingmar: Schaut gerne in die Shownotes. Wir verlinken euch in den Shownotes jede Menge Quellen.

Ingmar: Das sind lauter Quellen mit vielen Bildern, die Algorithmen haben.

Ingmar: Ich bin ein großer Fan der Karte der Essener Runde, so eine Faltkarte für Rotem,

Ingmar: die ich gerne nutze, wenn ich nachts um drei über Rotems nachdenke und es mir

Ingmar: nicht mehr alles herleiten kann.

Ingmar: Wo dann draufsteht, wenn die Kurve so aussieht, dann musst du folgendes tun.

Ingmar: Und auch noch andere Quellen mit Leitlinien verlinken wir euch.

Ingmar: Schaut euch das gerne an und wenn ihr Fragen und Anmerkungen habt, lasst es uns wissen.

Ingmar: Sarah, danke für diese unfassbar coole Vorbereitung für diese Folge.

Ingmar: Ich glaube, das ist wertvoll für die Hörerinnen und Hörer.

Ingmar: Den danken wir auch fürs Zuhören und wir hoffen, dass ihr was mitnehmen konntet und bleibt stabil.

Ingmar: Wie die Klotz, aber auch sonst. Tschüss.

Sarah: Tschüss.

Über diesen Podcast

Der Podcast aus der Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen. Wir berichten über Aktuelles aus Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin. Manchmal sprechen wir auch einfach über Dinge, die uns interessieren.
"Young Urban Anesthesiologists", kurz "YUAN" referenziert das Weiterbildungsformat der Abteilung, auch wenn wir weder besonders jung noch urban sind.

CME-Fortbildungspunkte für das Hören des Podcasts können über unsere Homepage beantragt werden.

von und mit Ingmar Finkenzeller (Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen)

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